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Elizabeth Kostova begleitete als junges Mädchen ihren Vater häufig auf seine Reisen durch Europa. Dabei stießen sie auch auf die Spuren und Legende von Dracula. Diese frühen Eindrücke und ihre Liebe zu Osteuropa verführten sie dazu, Dracula literarisch wieder auferstehen zu lassen.

 

Zehn Jahre hat sie an dem HISTORIKER geschrieben, das Thema hat sie nicht mehr losgelassen. Für die ersten Kapitel erhielt sie bereits einen Preis für „Creative Writing“ von der Michigan Universität. Das fertige Ergebnis wurde belohnt mit einem Vorschuss des amerikanischen Verlags von über 2 Millionen Dollar, inzwischen ist das Buch ein internationaler Bestseller.

 


Interview mit Elizabeth Kostova

Was faszinierte Sie an dem Stoff über Dracula, bzw. Vlad, dem Pfähler?

 

Zum ersten Mal hörte ich als Kind von Dracula, als mein Professor-Vater auf unseren Reisen quer durch Ost- und Westeuropa Schauergeschichten zum Besten gab. Meine Entdeckung von Vlad Dracula, dem Pfähler der Wallachei (im heutigen Rumänien) kam erst später, als ich mehr über die historische Figur erfuhr, die Bram Stoker als Vorlage für seinen Roman benutzte und wissen wollte, wo die Verbindungslinien zwischen beiden verlaufen. Mich faszinierte, dass Vlad, der Pfähler in mancherlei Hinsicht unendlich viel schrecklicher war, als die Romanfigur, nicht zuletzt deshalb, weil Vlad ja eine historische Gestalt ist.

 

Sie haben mehr als zehn Jahre für diesen Roman recherchiert. Was war der überraschendste Fund dieser langen Recherche?

 

Obgleich Vlad der Pfähler auch in seiner Zeit einen legendären Ruf genoss and daher mehr Material über ihn existierte als über viele anderen mittelalterlichen Herrscher, blieben doch viele wichtigen Fragen offen. Darunter die Frage nach seiner letzten Ruhestätte und das Schicksal seiner sterblichen Überreste – ein Mysterium, das im Buch eingehend thematisiert wird. Ein weiterer Punkt, der mich überraschte, ist das Ausmaß, zu dem Vlad – ein relativ unbedeutender Herrscher eines vergleichsweise kleinen Fürstentums – in der Lage war, das mächtige Ottomanische Reich fernzuhalten. Unter den Ottomanen genoss er einen solch fürchterlichen Ruf, dass die Menschen in Istanbul, hunderte Kilometer entfernt, in Angst und Schrecken waren, dass Vlad den beschwerlichen Weg in ihre großartige Stadt auf sich nehmen würde, um sie dort anzugreifen. Man kann sich leicht vorstellen, dass Mütter ihren Kindern erzählten, dass Dracula kommen würde, sofern sie nicht brav wären. Das könnte bedeuten, dass Dracula das älteste individuelle Monster in der Geschichte ist.

 

Wie viel von dem Buch ist Wahrheit und wie viel ist Fiktion? Wie halten Sie beides im Gleichgewicht?

 

Das ist immer eine schwierige Frage bei einem historischen Roman. Genauigkeit ist mir sehr wichtig und ich habe viel daran gearbeitet, die Details aus den jeweiligen Epochen und wahre historische Begebenheiten so genau und wahrheitsgemäß wie möglich, wiederzugeben, obgleich diese Anstrengungen niemals perfekt sein können. Alle Figuren im Buch sind erfunden außer dem historischen Dracula. Das Rätsel um seinen Leichnam existiert wirklich, die Auflösung dieses Rätsels erfolgte während ich das Buch schrieb naturgemäß mit fiktiven Mitteln. Das kommunistische „Setting“ in Ost-Europa basiert auf Beobachtungen während meiner Reisen, gleiches gilt für alle Orte, die Vater und Tochter in Paris, London, Amsterdam und anderswo besuchen, obgleich einige Namen verändert wurden.

 

Erzählen Sie von den Reisen, die Sie unternahmen, während Sie Der Historiker schrieben? Welche Orte haben Sie besucht? Gab es Orte, die Sie bereisen wollten aber nicht konnten?

 

Ich habe habe die meisten Schauplätze im Buch an Orten angesiedelt, die ich von meinen Reisen kannte, bevor ich darüber schrieb, da ich, nachdem der Schreibprozess begonnen hatte, nicht mehr viel Zeit zum Reisen hatte. Ich bin jedoch einige Male mit meinem Mann nach Bulgarien gefahren, der dort aufwuchs und den ich auf meiner ersten Reise auch kennengelernt habe. Er hat mich wunderbar beraten und mich nach Kräften bei der Recherche vor allem der Teile des Buches, die in Ost-Europa spielen, unterstützt.

 

Als ich den letzten Entwurf fertig stellte, ergab sich die Möglichkeit, zum ersten Mal nach Istanbul zu reisen, was sich als faszinierendes Erlebnis herausstellte. Istanbul ist eine herrliche Stadt, voller Historie. Dort hin zu reisen, nachdem ich Jahre mit der Lektüre zugebracht hatte, Filme gesehen hatte, die dort spielten, und mir alte Fotografien und Gemälde anschaute - all dies war ein überwältigendes Erlebnis für mich. Es war, als wäre ich schon einmal dort gewesen – mit Leichtigkeit konnte ich bestimmte Strassen und Häuser finden als ich durch die Altstadt schlenderte. Natürlich konnte ich auch einige Dinge korrigieren, die Art Sachen, die man nur erfährt, wenn man wirklich dort ist. Zum Beispiel kannte ich nicht das Schreien der Seemöwen, wenn Sie überall in der Stadt die Minarette umkreisen oder den Geruch von gegrilltem Fleisch und ofenfrischem Brot, der durch die Straßen zieht.

 

Ich war immer noch nicht in Rumänien, obwohl ich ausgiebig über die Geschichte und seine Landschaft recherchiert habe. Lange Zeit habe ich es bedauert, keine Gelegenheit gehabt zu haben, während ich das Buch schrieb. Heute wird mir klar, dass mich das möglicherweise in die Lage versetzt hat, ein älteres, abgelegenes Rumänien zu imaginieren, als es heute in Wirklichkeit existiert. Ich hoffe, die Reise dorthin bald nachzuholen. Zuletzt ist das Buch auch an einen rumänischen Verlag in Bukarest verkauft worden, was eine besondere Freude für mich ist. Tatsächlich freut es mich außerordentlich, dass das Buch ein so großer internationaler Erfolg zu werden verspricht. Wir sind mittlerweile bei 33 Sprachen angekommen.